Furcht und Unruhe der Demenzkranken (Teil 5)

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Furcht und Unruhe der Demenzkranken (Teil 5) ist der Inhalt des 95. Blogs. Es werden weitere Beeinflussungsstrategien der Eigenweltgestaltung bei Impulsen der Altbiografie angeführt.

Vorbemerkung

Demenzkranke sind oft aufgrund der ins Bewusstsein drängenden Langzeitgedächtnisinhalte der Altbiografie (Lebensphase vor der Erkrankung) regelrecht in einer Parallelwelt verstrickt. Diese Realitätsverzerrungen und auch Realitätsverluste führen zu Unruhe, Furcht und auch manchmal zu einem ständigen Leiden, wird das Erinnerte (u. a. vertraute Handlungsmuster, vertraute Personen und manchmal auch Örtlichkeiten) in der Realwelt nicht angetroffen. Also wird danach gesucht oder es wird ständig danach gefragt. Die damit verbundene Unruhe oder auch Agitiertheit ist ein klassisches Krankheitssymptom der Demenz im fortgeschrittenen Stadium. Sie ist Ausdruck eines äußerst belastenden Spannungsverhältnisses zwischen der demenzkranken Person und einer Umwelt, die diese Inhalte der Altbiografie nicht zu bieten vermag. Diesem Stress und auch Leiden kann Einhalt geboten werden, wenn den Betroffenen, wie bereits in Blog 94 beschrieben, eine eigene Welt aufgebaut wird, in der sie das finden, wonach sie sich sehnen und verlangen. Diese Eigenwelt, die an eine Theaterinszenierung erinnert, ist meist der einzige Weg, ohne Psychopharmaka die Demenzkranken wieder in ein seelisches Gleichgewicht zu bringen. In den folgenden Fallbeispielen werden weitere Dimensionen dieser Eigenweltgestaltung aufgezeigt.

Zwangsähnliches Drangverhalten

In Blog 12 werden Strategien aufgeführt, wie man zwangsähnliche Verhaltensmuster positiv beeinflussen kann. Dabei wird durch die Umgestaltung des räumlichen Milieus und zusätzlich durch persönlichen Kontakt der dranghafte und zugleich zwangsähnliche Impuls beendet, wie folgende Beispiele zeigen:

Beispiel 1: Ein Demenzkranker musste jeden Tag zur Arbeit, bereitete morgens seine Pausenbrote vor, die er in die Frühstücksbox packte. Anschließend ging er zur „Bushaltestelle“ auf dem Wohnbereich und wartet auf seinen Bus. Dort blieb er sitzen, bis eine Pflegende anhand des angebrachten Fahrplanes feststellte, dass der Bus heute ausfallen würde. Der Demenzkranke akzeptierte diesen Sachverhalt und beendet so seinen „Arbeitstag“. Dieser Vorgang wiederholte sich täglich (Persönliche Mitteilung).

Beispiel 2: Auch hier wollte ein Bewohner jeden Tag zur Arbeit. Um dies zu verhindern, wurde ihm rechtzeitig ein Urlaubsschein ausgestellt, der akzeptiert wurde (Persönliche Mitteilung).

Beispiel 3: Eine Bewohnerin zeigte immer vormittags das Verlangen, in der Sparkasse eine Überweisung tätigen zu müssen. Für sie wurde die verschlossene Tür des Fäkalienraums mit dem vertrauten Logo der Sparkasse versehen. Wenn dann die Demenzkranke an der „Sparkasse“ ankam, stand dort bereits eine Mitarbeiterin, die ihr mitteilte, dass heute aus betrieblichen Gründen die Sparkasse geschlossen sei, aber morgen wieder öffnen würde. Diese Erklärung wurde akzeptiert (Persönliche Mitteilung).

In diesen Fällen konnten mittels einer Milieugestaltung und parallel dazu zeitlich geplanten Kontaktaufnahme Lösungen für das zwanghafte Drängen zu einem biografisch bedingten Verhaltensmuster entwickelt werden. Ähnlich wie bei den beeinflussbaren spontanen Desorientierungsphänomenen und den wahnhaften Halluzinationen wird die Umwelt gemäß den Bedarfen der Betroffenen suggestiv umfunktioniert. Konkret wird ein innerer belastender Handlungsimpuls durch einen äußeren Entlastungsimpuls regelrecht gelöscht (Extinktion). Die Strategien des Mitgehens und Mitmachens sind hier um den Faktor Milieu erweitert, der als biografisch orientierte Demenz- oder Eigenweltgestaltung bezeichnet werden kann. Falls es erforderlich werden sollte, können für Demenzkranke entsprechend ihrer Bedrängnis eigene Lebenswelten oder Eigenwelten inszeniert werden. Voraussetzung hierfür ist jedoch das Wissen über die biografischen Gegebenheiten der Altbiografie, die den Ursprung für das Zwangsverhalten bilden.

Das Vollständigkeitsprinzip

Wie in Blog 54 beschrieben, wird bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium immer wieder beobachtet, dass sie nach vertrauten Personen und teils auch Orten ihrer Lebensgeschichte verlangen. Es kann ihnen nicht klargemacht werden, dass z. B. die Eltern oder der Ehepartner bereits verstorben sind. Erklärt werden kann dieser Realitätsverlust mit dem Sachverhalt, dass die Erinnerungen, die teils in Tagträumen wieder ins Bewusstsein dringen, aufgrund des fehlenden Realitätsfilters als reale Gegenwart aufgefasst werden (Schnider 2012, siehe u. a. Blog 8 und Blog 12).

Für die individuelle Eigenweltgestaltung des jeweilig Betroffenen bedeutet dies, die fehlenden Elemente aus dem Kontext der Erinnerungen durch verschiedene Vorgehensweisen und auch Gegenstände zu ersetzen, damit die Eigenwelt gemäß den Erinnerungen wieder vollständig wird. Neben den Ersatz – oder Surrogatstrategien (siehe weiter unten) haben sich teilweise auch Strategien gemäß dem Verdinglichungskonzept für die Erklärung der Abwesenheit der ersehnten Person aus der Vergangenheit bewährt (siehe Blog 46 und die Folgenden). Wenn eine Demenzkranke nach ihrem verstorbenen Ehemann verlangt, dann wird ihr z. B. ein fingierter Arztbrief gezeigt, aus dem hervorgeht, dass der Gatte noch weitere drei Wochen in einer Rehabilitationseinrichtung bleiben muss.

Ersatz- oder Surrogatstrategien

In Blog 54 wird das Vollständigkeitskonzept anhand der Ersatz – oder Surrogatstrategien veranschaulicht. Diese Umgangsformen bedeuten in der Praxis konkret, für nachgefragte Personen und manchmal auch Haustiere und Örtlichkeiten der Lebensgeschichte (Altbiografie), die ins Bewusstsein dringen, einen akzeptablen fiktiven Ersatz zu stellen. Es können Mitarbeiter, Puppen, Plüschtiere und manchmal auch nur Fotos sein, die den aufgeregten oder sich sorgenden Demenzkranken offeriert werden. Die folgenden Beispiele verdeutlichen das Spektrum an Lösungsstrategien, die relativ oft, aber nicht immer die erhoffte Wirkung bei den Betroffenen erzielen:

Mitarbeiter als Personenersatz

Manchmal verlangen Demenzkranke nach näheren Angehörigen wie Sohn oder Tochter. Hier schlüpfen dann oft Pflegende und Betreuende in die Rollen der gewünschten Personen. Manchmal wird auch nach Personen einer bestimmten Berufsgruppe wie Pfarrer, Arzt oder Polizist gefragt, die den Demenzkranken im Zustand eines Realitätsverlustes Hilfe und Unterstützung geben sollen. Auch hier nehmen dann Mitarbeiter teils mittels Verkleidung diese Positionen ein (Lind 2011: 261, Röse 2017: 304).

Foto als Personenersatz

Eine Demenzkranke weigerte sich, ohne ihren bereits verstorbenen Ehemann die Mahlzeiten einzunehmen. Daraufhin wurde ihr ein Foto des Verstorbenen auf den Tisch gestellt. Das Bild wurde als Ersatz akzeptiert (persönliche Mitteilung).

Puppe als Personenersatz

Eine Demenzkranke sorgte sich ständig voller Angst um ihren Sohn „Hans Holm“, den keiner bisher gesehen hatte. Da beruhigende Worte hier nichts nutzten und die Pflegenden selbst das Leiden kaum noch ertragen konnten, entschloss man sich, ihr eine Puppe mit den Worten „das ist dein Hans“ in die Hand zu drücken. Die Betroffene akzeptierte diese Lösung und hegte und pflegte von da an den ganzen Tag ihren „Hans“ (Lind 2011: 205).

Plüschtier als Haustierersatz

Eine Bewohnerin war ständig auf der Suche nach ihrem vermissten Hund „Lulu“. Sie machte sich regelrecht Sorgen um ihn. Daraufhin wurde gemeinsam mit einer Pflegenden „Lulu“ (ein Stoffhund) unter dem Bett gefunden. Das Stofftier wurde als das vermisste Haustier akzeptiert und damit angenommen (persönliche Mitteilung).

Orte

Es kommt vor, dass Demenzkranke ein starkes Verlangen nach einem vertrauten Ort wie ihrem alten Arbeitsplatz haben. Es wird dann das Bewohnerzimmer durch ein weiteres Möbelstück wie ein Schreibtisch zu einem „Büro“ umgewandelt, vielleicht noch mit eigener Schreibmaschine und bekannten Formularen und Stempeln (Lind 2007: 11).

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Röse, K. M. (2017 Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe
  • Schnider, A. (2012) Konfabulationen und Realitätsfilter. In: Karnath, H.-O. und Thier, P. (Hrsg.) Kognitive Neurowissenschaften, Berlin: Springer (567 – 572)

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

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